Bulgarien II

   
 


 

 

EU-Süd-Ost-Erweiterung

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Bulgarien

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Grundlagen von Superreichtum in neuen Ländern der EU
„Den Tag erkennst du schon an seinem Morgen.“
  Bulgarisches Sprichwort

Was hat die Thematik eines in diesem Seminar behandelten Superreichtums und daraus resultierender Eigentumsverhältnisse mit der EU-Süd-Ost-Erweiterung zu tun?
Reichtum und Anhäufung – Akkumulation – setzten bestimmte Entwicklungen voraus. Bei den neueren EU-Mitgliedern handelt es sich um Länder, die, bevor die enormen Umwälzungen der Wende um 1990 eintraten, Länder waren in denen zumindest pro forma der real existierende Sozialismus das scheinbar bestimmende politische sowie auch ökonomische System darstellte. Man könnte zusammenfassend sagen, dass man es mit einer Übergangsproblematik zu tun hat; mit einem Wechsel von einem ökonomischen System hin zu einem anderen: Dieser Übergang ist nicht als ein ad hoc-Ereignis zu verstehen, sondern als ein Prozess, als ein historischer Verlauf, der mit einer Freisetzung bestimmter Strukturen und Akteure einhergeht ist. Genau hierin, in diesem Prozess einer  Freisetzung, kann eine der Grundlagen gesehen werden, die einen Superreichtum überhaupt möglich macht. Ich möchte versuchen, anhand eines soziologischen Klassikers sowie einer Rückkoppelung dieses an empirische Befunde – um nicht zu sagen einer handfesten Feldforschung – aufzuzeigen, wie es möglich sein könnte am Beispiel Bulgariens diesen Prozess zu analysieren. Es folgen zwei kürzere Quellenanalysen: Erstere wird elementare Momente aus Marx Kapital aufgreifen, genauer Momente aus dem 24. Kapitel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, welches die Konstituierung des modernen Kapitalismus als Resultat historischer Umbrüche thematisiert. Die darin entwickelten Begriffe und Kategorien werden es ermöglichen, die zweite Quelle genauer zu sortieren. Jene wird Aspekte aus Ilija Trojanows Recherche und Analyse der Wende in Bulgarien aufgreifen.





I) Momente der „sogenannten“ ursprünglichen Akkumulation bei Marx

„Und von diesem Sündenfall datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie  längst aufgehört haben zu arbeiten.“
 Karl Marx

Marx stand seinerzeit vor einer gänzlich anderen Problemstellung, als die obig angedeutete. Für ihn stellte sich in Anbetracht eines noch relativ jungen Kapitalismus die Frage, wie dieser seine Form etablieren konnte. Welche Prozesse stattfanden, um aus einer feudalen Ordnung eine kapitalistische entstehen zu lassen. Marx formulierte diese Problemlage wie folgt:
„Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, durch Kapital Mehrwert und aus Mehrwert mehr Kapital gemacht wird. Indes setzt die Akkumulation des Kapitals den Mehrwert, der Mehrwert die kapitalistische Produktion, dieser aber das Vorhandensein größerer Massen von Kapital und Arbeitskraft in den Händen von Warenproduzenten voraus. Diese ganze Bewegung scheint sich also in einem fehlerhaften Kreislauf herumzudrehn, aus dem wir nur hinauskommen, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation vorausgehende "ursprüngliche" Akkumulation ("previous accumulation" bei Adam Smith) unterstellen, eine Akkumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt (Marx 2001. S.741)“

Marx datiert diesen Ausgangspunkt auf das ausgehende 16. Jahrhundert, seine exemplarische Analyse bezieht sich vor allem auf England, in der die angesprochenen Entwicklung laut Marx „klassische Form“ besitzt (vgl. S.743f.). Die bestimmende Produktionsweise des Feudalismus ist vor allem eine der Agrarkultur, die des auftauchenden Kapitalismus eine industrielle. Marx spricht von einer Freisetzung der Menschen, die, zunächst im feudalen System als Leibeigene, Sklaven oder kleine Pächter unmittelbar zum Produktionsmittel gehörten, und im Zuge der historischen Entwicklung dazu genötigt sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen:.

„Der unmittelbare Produzent, der Arbeiter, konnte erst dann über seine Person verfügen, nachdem er aufgehört hatte, an die Scholle gefesselt und einer andern Person leibeigen oder hörig zu sein. Um freier Verkäufer von Arbeitskraft zu werden, der seine Ware überall hinträgt, wo sie einen Markt findet, mußte er ferner der Herrschaft der Zünfte, ihren Lehrlings- und Gesellenordnungen und hemmenden Arbeitsvorschriften entronnen sein. Somit erscheint die geschichtliche Bewegung, die die Produzenten in Lohnarbeiter verwandelt, einerseits als ihre Befreiung von Dienstbarkeit und Zunftzwang; und diese Seite allein existiert für unsre bürgerlichen Geschichtschreiber. Andrerseits aber werden diese Neubefreiten erst Verkäufer ihrer selbst, nachdem ihnen alle ihre Produktionsmittel und alle durch die alten feudalen Einrichtungen gebotnen Garantien ihrer Existenz geraubt sind. Und die Geschichte dieser ihrer Expropriation ist in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer (S.743)“

Im obigen Zitat wird ein anderer Aspekt der marxschen Analyse deutlich, nämlich der der Gewalt: Im folgenden Verlauf des Textes führt Marx eine Vielzahl von Quellen auf, Fallbeispiele, bestimmte Gesetzgebungen, die illustrieren was für zynische Härte  diese Entwicklung begleiteten (vgl. S.762). Essentiell an Marx' Ausarbeitung ist, dass es sich bei diesem Prozess der „sogenannten“ ursprünglichen Akkumulation um einen Prozess handelt, der als ständig zu betrachten ist. Es bezeichnet nicht einen Übergang, auch wenn er einen Übergang begleitet, sondern ist fest verwoben mit einer kapitalistischen Produktionsweise.

II) Aktualisierung: Bulgariens „Wende“

Nun könnte man argwöhnen, was die obig angedeuteten Aspekte denn wohl mit der neuerlichen EU-Süd-Ost-Erweiterung zu tun haben könnten. Zunächst sei hierbei nicht aus den Augen zu verlieren, dass es sich bei dem marxschen Ansatz um einen handelt, der auf eine stetige Weiterentwicklung zurückblicken kann. So betont etwa der Ökonom Bonefeld von dem kontinuierlichen Charakter dieser sog. primitiven Akkumulation:

„This essay argues that primitive accumulation discribes not just the period of transition that led to the emergence of capitalism. Primitive accumulation is, in fact, the foundation of the capitalist social relations and thus the social constitution through which the exploitation of labour subsists. In other words, contemporary developments of primitive accumulation are not 'chance' developments (Bonefeld 2001. S.1)“

„Primitive accumulation, then, is not just a 'period' from which capitalist social relations emerged. Rather, it is the historical 'act' that constitutes the capitalist social relations as a whole (S.7)“

Der real existierende Sozialismus war nun vor allem darum bemüht, jedenfalls explizit, die Entfremdung des Menschen zu in dem Sinne zu verhindern, als dass die Trennung von Produzent und Produktionsmittel aufgehoben werden sollte:

„This world is a world of seperation, of 'object-less' labour. What needs to be overcome, then, is the alienation of human social practise from her conditions It is this alienation that constitutes the relationship between wage labour and capital. In sum, the struggle for human autonomy and that is, self determination entails the transformation of the means of production into menas of emancipation (Bonefeld 2001. S.13)“

Daher rührte die staatliche Hoheit über der Produktion auch in Bulgarien.
Es wäre nun gewagt, zu mutmaßen, dass sich eine kapitalistische Wirtschaftsordnung über Nacht in Bulgarien etabliert hat, quasi mit dem Schnippen eines Fingers. Ilija Trojanow, den man als einen profunden Chronisten der bulgarischen Entwicklung bezeichnen kann, verweist darauf, dass tonangebende Parteikader – Nomenklatura -  bereits zu Beginn der 1960er Jahre erste Erfahrungen auf dem internationalen Markt sammelten. Staatlicher Waffen- und Drogenschmuggel waren erste Experimente in freier Marktwirtschaft. Genau dieses Know-How sieht Trojanow als eine fast ideale Vorbereitung auf die Zeit nach 1989. Erste Deals legten einen kapitalen Grundstock an, mit dem sich schon etwas anfangen ließ. Immerhin warfen diese erste Schritte, verkörpert in der Firma TEXIM 1969 ca. 50 Millionen an Gewinn ab ( vgl. Ilija Trojanow 2006. S. 147f.).
Die Wende um 1989 ermöglichte dann eine um so ertragreichere Inwertsetzung, sprich primitive Akkumulation, vormals staatlichen Eigentums. Und während in den frühen 1990er Jahren alte Menschen in ihren Plattenbauwohnungen erfroren, weil sie es, diesmal wirklich über Nacht, mit 500% Preissteigerungen der Lebensmittel zu tun bekamen, und ihre Heizrechnung nicht mehr bezahlen konnten, und sich Menschen in Bergwerken verdinglichten, die eher an Zustände des 19. Jahrhunderts erinnerten, während dessen treten die Flexibilitätsgewinnler der Angelegenheit in Erscheinung. Die Gangster, die Investoren, die windigen Geschäftsleute. Privatisierung wurde als das Allheilmittel verstanden. Auch wenn der so angehäufte Reichtum nicht mit dem der alteingesessenen Superreichen der westlichen Länder mithalten kann, so ist dennoch ein  Grundstock an Kapital  gelegt, der in den Bereichen angelegt werden kann, die zum Erscheinungsbild des aktuellen ökonomischen Systems gehören.


Literatur:

Bonefeld, Werner. 2001. The Permance of Primitive Accumulation: Commodity Fetishism and Social Constitution.
In: The Commoner Nr.2. www.thecommoner.org.

De Angelis, Massimo. 2001. Marx and primitive accumulation: The continuous character of capitals „enclosures“
In: The Commoner Nr.2. www.thecommoner.org.

Marx, Karl.2001. Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. MEW 23.
Berlin. Karl Dietz Verlag.

Trojanow, Ilija. 2006. Die fingierte Revolution. Bulgarien, eine exemplarische Geschichte.
München: DTV.

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